Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (28)

Acht und zwanzigste Predigt.

Vierzehnte Lagerstätte: Ritma.
(Fortsetzung.)

4. Buch Mosis 14,10-39.

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: stärke uns den Glauben, vermehre uns denselben, so berichtet Lukas 17,5. Eine wichtige, nöthige, nachahmungswerthe Bitte. Es ist den Evangelisten in ihrer Geschichtsbeschreibung eben nicht sehr geläufig, Jesum Herr zu nennen, sondern es kommt selten vor. Wenn es aber vorkommt, so hat es auch seinen besondern Nachdruck, z.B. Kap. 10,1.: der Herr sonderte andere 70 aus, und Kap. 22,61.: der Herr wandte sich und sahe Petrum an. So auch hier. Jesus ist der Herr, der alles in seiner Hand hat, und reich ist über alle, die ihn anrufen, und überschwänglich thun kann über Bitten und Verstehen. Sie wandten sich demnach an den rechten Mann, der auch die Mühseligen und Beladenen zu sich einladet, um sie zu erquicken. Die Apostel waren es, welche diese Bitte thaten. Wir befinden uns demnach in einer ehrenwerthen Gesellschaft, wenn wir dieselbe Bitte thun. Auch diesen theuern Männern, auf deren Grund die Gemeine erbaut ist, war das glauben so wenig leicht, daß sie ihrem und unserm Herrn mehrmals Anlaß gaben zu fragen: wo ist euer Glaube, o! ihr Kleingläubigen, wie, daß ihr keinen Glauben habt? ihren Unglauben zu schelten und sie zu ermahnen: glaubet an Gott, und glaubet auch an mich. Es befremde demnach niemand, wenn’s ihm auch so geht. Um was baten sie den Herrn denn? Um Stärkung und Vermehrung des Glaubens. Sie mußten also dasmal einen besondern Mangel desselben bei sich spühren. Wie wurde ihnen denn dieser Mangel merk- und fühlbar? Dem Zusammenhang nach zu urtheilen, durch die, nach Jesu Vorstellung drohenden gefährlichen Aergernisse, Versuchungen, und Verführungen, weshalb er sie ermahnte: hütet euch! nehmet euch in Acht! Kein Wunder, wenn sie begehrten, im Voraus darauf gewappnet und gestärkt zu sein, und deswegen eine Zulage zu ihrem Glauben begehrten, von welchem es ihnen vorkam, er reiche in seiner dermaligen Beschaffenheit dazu nicht hin. Zudem empfahl ihnen Jesus eine Versöhnlichkeit, die dem Bruder, der ihn siebenmal des Tages beleidigt, und eben so oft wiederkäme und spräche: es reuet mich, vergiebt. Dies kam ihnen was stark vor und sie fühlten sich ungeschickt und ungeneigt, die Versöhnlichkeit so weit zu treiben. Nach dem neuen Menschen waren sie aber doch wohl bereit dazu, erbaten sich aber dazu eine Beilage, einen Zusatz zu ihrem Glauben. Schön gehandelt. Jesus gibt ihnen eine merkwürdige Antwort, wenn er sagt: wenn ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn und sprächet zu diesem Maulbeerbaum: reiß dich aus und versetze dich ins Meer, so wird er euch gehorsam sein. Sie denken an etwas Großes, Jesus redet von etwas Kleinem, als wollte er sagen: messet die in euch selbst wohnende Kraft so genau nicht aus, sondern haltet euch im Glauben und durch denselben zu allem geschickt, was von euch gefordert wird. O! köstlicher Glaube. Der Herr wirke ihn kräftiglich in uns und segne dazu auch die diesmalige Betrachtung der Wanderungen Israels.

Wir sahen neulich den Aufruhr auf den höchsten Gipfel steigen, die beiden würdigen Männer Josua und Caleb in Gefahr gesteinigt zu werden, das Volk im Begriff, sich einen Heerführer zu wählen, der sie zurück nach Egypten bringe. Jetzt tritt der Herr dazwischen. Seine Herrlichkeit erscheint. Er verlangt die Einwilligung Mosis, das Volk zu vertilgen. Moses bittet um Gnade. Der Herr gewährt seine Bitte, schwört aber zugleich, keiner von denen allen, welche aus Egypten gezogen, solle ins Land Canaan kommen. Alle sollten sie in der Wüste sterben, nur ihre Kinder sollen hineingelangen. Zurück sollen sie auf’s rothe Meer zu, statt in das unmittelbar vor ihnen gelegene verheißene Land zu ziehen. 40 Jahre sollten sie in der Wüste umherpilgern, also nun noch etwa 38 Jahre. Die zehn Kundschafter starben bald, die übrigen 600 Tausend sollten ihnen nach und nach folgen, nur Josua und Caleb ausgenommen. Hiebei hatte es sein unabänderliches Bewenden. Der Herr beschwur es, und so bliebs dabei.

Da haben wir’s also. Nur eine halbe Stunde bis Canaan und nun wieder zurück auf’s rothe Meer zu! den Weg noch einmal, der doch so mühsam ist! Und keine Aenderung daran, sondern unabänderlich festgestellt! Ach wie hart! ach! wie bitter. Nun noch 38 Jahre. Zwar bleibt Canaan gewiß, denn den Herrn mögen seine Gaben und Berufung nicht gereuen. Aber erst nach so langer Zeit!

Aber was war’s denn eigentlich, was den Herrn so erzürnte, daß er einen unabänderlichen Eid schwur, sie sollten nicht in das verheißene Land kommen? Waren die Schwierigkeiten zu groß, die Bewohner Canaans zu stark, die Städte zu fest? Nein. Hatten sie’s mit ihrem goldenen Kalbe so arg verdorben, daß der Herr ihnen dies jetzt noch entgelten ließ? Auch nicht, das war vergeben. War’s ihr oftmaliges Murren, das nun gestraft wurde, oder sonstige Sünden? Oder was war die Ursache eines so strengen Verhängnisses? Der Apostel gibt uns Hebr. 3 Aufschluß, wenn er Vers 17 fragt: über welche aber ward er entrüstet 40 Jahre lang? Ist es nicht also, über die so da sündigten, deren Leiber in der Wüste verfielen? Welchen schwur er aber, daß sie nicht zu seiner Ruhe kommen sollten, denn den Ungläubigen. Und wir sehen, daß sie nicht haben können hineinkommen, um des Unglaubens willen. So laßt uns nun fürchten, setzt er hinzu, denn es ist uns auch verkündigt gleich wie jenen. Aber das Wort der Predigt half jenen nicht, da nicht gläubeten die, so es sollten. Wir aber, die wir glauben, geh’n in die Ruhe. Welches war also diejenige unter allen Sünden, die sie von Canaan, und die von der ewigen Seligkeit ausschließt? Keine, die wider irgend eins der 10 Gebote begangen ist, denn daraus ist noch Errettung, sondern diejenige, welche wider das Evangelium begangen wird, welches uns diese Rettung verkündigt und anbeut, außer welchem aber keine erfunden wird. Wodurch sündigt man aber gegen das Evangelium? Durch den Unglauben.

Von diesem Unglauben möchte ich denn wohl schriftgemäß handeln, beschreiben, worin er bestehe, wie er sich äußere, sowohl da, wo er herrscht, als da, wo er Anfälle macht. Der Herr wolle das Dienliche darreichen. Bei dieser Betrachtung sind wir alle höchlich interessirt, weil der Unglaube es ist, der verdammt, wie der Glaube es ist, der selig macht. Hast du Glauben, so wirst du selig, hast du ihn nicht, sondern herrscht der Unglaube bei dir, so wirst du verdammt, das ist gewiß.

Zuvörderst möchte ich nun einiges über den Glauben bemerken. Er ist von der allerhöchsten Wichtigkeit, denn das ganze Heil ist daran geknüpft. Die Rechtfertigung, kraft welcher der Sünder in dem Gerichte Gottes wird freigesprochen, hängt allein vom Glauben ab. Wir wissen, daß wir durch den Glauben gerecht werden. Wollte ich alle Stellen gleichen Inhalts anführen: so würde ich eine halbe Predigt damit anfüllen. Es ist also mit dieser einzigen aus Gal. 2 genug. Die Reinigung des Herzens geschieht ebenfalls durch den Glauben, wie Petrus Apostelgeschichte 15 sagt: Gott reinigte ihre Herzen durch den Glauben, und Christus selbst sagt nach Kap. 26: sie werden geheiligt durch den Glauben an mich. Und verweiset er uns nicht Joh. 15. auch in Beziehung auf die Heiligung ganz und gar an sich selbst, wenn er sagt: bleibet in mir, denn gleich wie eine Rebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, er bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn an mir. Sagt nicht Paulus in Uebereinstimmung damit: ich vermag Alles, durch den, der mich mächtig macht, Christum? Auch die Bewahrung schreibt Petrus dem Glauben zu, wenn er sagt: aus Gottes Macht werdet ihr bewahret durch den Glauben zur Seligkeit. Johannes eignet demselben den ganzen Sieg über die Welt zu, wenn er erklärt: der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Doch was haben wir nöthig uns auf’s Einzelne einzulassen, da Christus selbst bei seinem Abschiede von der Erde, und Auffahrt in den Himmel Alles zusammenfaßt, wenn er sagt: wer glaubt wird selig. Wie wichtig sind in dieser Beziehung noch verschiedene andere Aussprüche des Herrn, als z.B.: wer glaubt, kommt nicht in’s Gericht. Alles, was ihr bittet in meinem Namen, so ihr glaubet, so werdet ihr’s empfahen. So du glaubest, sollst du die Herrlichkeit Gottes sehen. Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubet. So ihr Glauben habt, wie ein Senftkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dort hin, so wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein. Wer glaubt, wird die Werke auch thun, die ich thue, und wird größere thun denn die. Wie beherzigenswerth ist das 11. Kapitel des Hebräerbriefes, wo solche Großthaten aufgezählt werden, die alle durch den Glauben thunlich wurden. Müssen wir uns also nicht von dem Glauben einen ungemein hohen Begriff machen, da ja alles an denselben geknüpft und sogar alles für Sünde erklärt wird, was nicht aus Glauben geschieht, es für unmöglich erklärt wird, ohne Glauben Gott zu gefallen. –

Laßt uns jetzt auch einige Urtheile der Schrift von dem Unglauben vernehmen. Er, wie der Glaube ist das Einzige, worüber Christus sich verwundert hat. Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, sagt Christus, und Johannes der Täufer: der Zorn Gottes bleibt über ich. Der Teufel hat sein Werk in den Kindern des Unglaubens und verblendet der Ungläubigen Sinne, sagt Paulus. Johannes erklärt: wer nicht glaubt, macht Gott zum Lügner, begeht also die ungeheuerste Sünde. Er tritt ab von dem lebendigen Gott, er wird nicht gerechtfertigt, nicht geheiligt, nicht bewahrt, kann nichts thun als Sünde, und so faßt Christus endlich alles in einem zusammen, wenn er erklärt: wer nicht glaubt, wird verdammt werden.

Sehet, so wird Seligkeit und Verdammniß an kein anderes Werk, als den Glauben und Unglauben geknüpft. Wir alle sind zum höchsten dabei betheiligt, denn wir sind entweder Gläubige oder Ungläubige, es wäre denn, daß man noch eine dritte Klasse annehmen wollte, welche aus solchen bestände, die in der Zubereitung zum Glauben begriffen sind, und etwa so stehen wie jener Vater, der mit Thränen schrie: ich glaube, lieber Herr, komm zu Hülfe meinem Unglauben. Von Natur aber liegen wir alle an der Krankheit des Unglaubens darnieder, denn Gott hat alles beschlossen unter dem Unglauben Römer 11,32. Der Glaube ist die höchste Pflicht, der Unglaube die ärgste Versündigung. – Laßt uns denn nun die Natur und Beschaffenheit des Unglaubens näher kennen zu lernen suchen. Was ist Unglaube, wie äußert er sich? Er ist das Gegentheil vom Glauben. Besteht nun der Glaube in der Bereitwilligkeit, Christum allein und ganz als die einzige und vollkommene Ursache des Lebens und der Gerechtigkeit anzunehmen: so besteht der Unglaube in dem Nichtdasein und Mangel dieser Bereitwilligkeit. Hält der Glaube das für wahr, was uns Gott in seinem Worte geoffenbart hat, so hält der Unglaube es nicht für wahr; ist der Glaube ein herzliches Vertrauen, so ist der Unglaube Mißtrauen. Da aber der Christ zwei Theile in diesem Leben an sich hat, einen alten und einen neuen Menschen, so findet sich auch Glaube und Unglaube bei ihm, und das eine Mal hat dieser, das andere Mal jener die Oberhand; so daß es heute von jemand heißen kann: jetzt glaubest du, und nächstens: jetzt glaubest du nicht. Wir wollen also den Unglauben, theils in seiner Herrschaft, theils in seinen Anfällen besehen. –

In seiner vollesten Herrschaft zeigt er sich bei denjenigen, welche sogar das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele leugnen, welche das Wort Gottes nicht als eine göttliche Offenbarung ehren, sondern in ihren Meinungen ganz davon abgehen, ja, demselben entgegengesetzte Meinungen hegen und vertheidigen, und die in der Schrift enthaltenen Lehren bestreiten, anfeinden, auch wohl verhöhnen und verspotten, und diejenigen nicht mit Frieden lassen, die sie glauben. Von dergleichen Leuten wimmelts gegenwärtig in der Christenheit, und dieser theoretische Unglaube hat sich bis in die unterste Klasse des Volks verbreitet, nachdem er bei den höhern und gebildeten Ständen den Anfang genommen. An solchen Leuten fehlte es nie. Schon David spricht von Narren, die da sagen: es ist kein Gott. Aber ehemals sagten sie’s nur noch in ihren Herzen, jetzt aber frei heraus, besonders in unsrer verbasterten protestantischen Kirche. Dieser Unglaube liegt bei den allermeisten heut zu Tage herauskommenden Büchern, Predigten und dem Religionsunterrichte zum Grunde. Die heranwachsende Jugend wird schon in den bei weitem meisten Schulen mit diesem Seelengift angesteckt, und dasselbe um so mehr entwickelt, je weiter jemand in der sogenannten Bildung gefördert wird, so daß man sich im Ganzen nicht verthut, wenn man die am meisten Gebildeten, auch zugleich für die am wenigsten Glaubenden hält. Dies ist aber etwas gar erschreckliches, denn diese Menschen sind für alle Pfeile der Wahrheit, so zu reden, unerreichbar, weil sie sie für Irrthum und dagegen den Irrthum für Wahrheit halten. Dies ist ein erschreckliches Gericht, und, wo nicht die Verstockung selbst, so gränzt es doch nahe daran. Es gilt besonders von unsern Tagen: nicht viel Weise und Kluge, und die Zeit ist da, wo die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr mögen, und es ist nichts seltenes, daß ganze Gemeinen sich der Wahl eines ächt christlichen Predigers oder Schullehrers widersetzen und einen solchen nicht wollen. Man ist sehr fleißig und sehr arglistig bemüht, ein bös Geschrei über das Land Canaan zu bringen, und wenn ihrer zwei sind, die zu dessen Gunsten reden, so sind gewiß zehn Widersprecher. Da schreit’s von allen Seiten: Mysticismus, Schwärmerei, veraltete Ideen, Kopfhängerei und dergleichen, dies wird in allen Flug- und Zeitschriften wiederholt, und jene reichlich überschrien. Doch ist Gott so barmherzig gewesen, und hat in den neuern Zeiten wieder mehrere erweckt und mit dem Lichte der Wahrheit erleuchtet, daß das Evangelium doch wieder reichlicher verkündigt wird, als man es noch vor zehn Jahren hätte hoffen dürfen, und unsere Gemeine hat die Freude unter diesen mehrere aus ihrer Mitte zählen zu können, wie denn der jüngste ihrer Prediger selbst einer davon ist, und die geliebten Namen mehrerer andern sind euch auch bekannt. Dieser Unglaube in seiner völligen Ausbildung leugnet demnach Gott den Vater und dessen Schöpfung, Gott den Sohn und die durch ihn gestiftete Erlösung, und Gott den heiligen Geist und seine heiligen Wirkungen, verleugnet die göttlichen Eigenschaften, die göttlichen Verheißungen, so wie das Wort, worin dieselben enthalten sind, Adams Sündenfall, und so der Reihe nach die Nothwendigkeit der Buße, der Wiedergeburt, der Rechtfertigung und Heiligung und sogar die Seligkeit sammt der Verdammniß. Sie sind vom Vater der Lügen, dem Teufel, und also voll Lügen.

Nicht so entwickelt liegt er doch auch bei denen zum Grunde, die zwar die Wahrheit als Wahrheit gelten lassen, vielleicht dafür eifern und eine umständliche Erkenntniß derselben haben, oder auch eben so wenig von der Wahrheit, als von dem, ihr entgegengesetzten Irrthum wissen – aber die Wahrheiten machen keinen, ihnen angemessenen, bleibenden Eindruck auf ihr Herz und Gemüth, und sie haben keine Liebe zu denselben, sondern weichen ihnen lieber aus. Die Betrachtung der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes schreckt und weckt sie nicht; die Betrachtung seiner Barmherzigkeit und Gnade rührt und beugt sie nicht, sie finden sich nicht bewogen und gezogen von der Sünde abzustehen, und diese Gnade als den höchsten Schatz zu begehren. Sie sind und bleiben eben fühllos und todt. Zwar können sie wohl einmal heftig erschüttert und aufgeregt werden, wie Felix erschrak, als er Paulum von der Keuschheit, der Gerechtigkeit und dem zukünftigen Gerichte reden hörte, dies war ihm aber so unangenehm, daß er den Apostel bald entließ. Festus wurde auch sehr durch seine Rede aufgeregt, er unterbrach ihn und schrie: vor lauter Gelehrsamkeit rase er. Die Meisten dieser Ungläubigen kommen selten oder gar nicht, um zu hören, da doch der Glaube aus der Predigt kommt, oder wenn sie auch in der Kirche sind, so achten sie nicht auf’s Wort, oder verstehen und beherzigen es nicht. Die Zahl dieser praktisch Ungläubigen ist leider sehr groß, und das Wort hilft ihnen nicht, weil sie’s nicht mit dem Glauben mengen.

Ganz besonders äußert sich der Unglaube darin, daß er nicht zu Christo kommen will, wie der Herr selbst sagt: ihr wollet nicht zu mir kommen. Er nimmt Jesum Christum nicht an – das ist das Wesen des Unglaubens. Er begehrt ihn und seine Gnade nicht. Er verlangt nicht nach ihm. Er hungert und durstet nicht nach Gerechtigkeit. Er nimmt seine Zuflucht nicht zu ihm, viel weniger daß er ihm vertraute, und sein ganzes Heil eben so inbrünstig als zuversichtlich allein und ganz von ihm erwartete. Dies mag nun aus solchen oder andern Gründen herrühren, so ist es doch zuletzt wieder nichts anders als Unglaube. Meint dieser, er sei kein solcher Sünder, der eines solchen Heilandes bedürfe, sondern für sich selbst tugendhaft genug, um selig, stark genug, um rechtschaffen zu werden, und verständig genug, um den rechten Weg dazu zu finden; mag jener denken, er sei ein allzugroßer Sünder, um noch Sünde mit ihren Vergnügungen noch zu lieb haben, und jener denken, es sei für ihn wenigstens jetzt noch unmöglich, sich aus seinen Verbindungen herauszureißen; mag der allerlei Verstandeszweifel haben, und jenen eine Hand, eine Lieblingslust hindern, die er nicht drangeben, nicht abhauen, ein Auge, das er nicht ausreißen mag – was ist es anders als Unglaube, mag er auch höflich genug sein, zu sagen: ich bitte dich, entschuldige mich, und was bewirkt dieser Unglaube, mag er sich auch in ein Gewand hüllen, welches es auch sei, mag er sich rechtfertigen oder entschuldigen wollen, womit es immer sei, mag er nicht Unglauben, sondern sonst genannt werden wollen – was bewirkt er anders, als das, was der sanfte Christus ihm ein für allemal angekündigt hat – die Verdammniß. Wovon soll also Jeder vor allen Dingen frei zu werden suchen? Eben von dem Unglauben. Wer davon frei ist, der findet auch in allem Uebrigen eine gebahnte Straße, bei wem er aber herrscht, oder auch in sofern er noch in Jemand ist, verschließt er die Seele für Gott und alle Einflüsse seiner Liebe, und öffnet dem Satan den freien Zutritt, sichert der Sünde ihre Herrschaft, und bringt nichts als Quaal.

Woher kommt der Unglaube denn? Ach, den bringen wir schon bei unserer Geburt mit auf die Welt, und also ist von Natur jeder Mensch ein Ungläubiger, wird auch erst durch die Wiedergeburt gläubig. Dies ist ein Stück unserer unglückseligen Erbschaft von unserm Stammvater Adam. Er ließ sich in den Unglauben bringen und hat ihn sodann auf uns alle vererbt. Die Schlange fing damit an, seiner Seele das Gift des Unglaubens beizubringen, worauf der Ungehorsam ganz von selbst folgte. Sie suchte erst ein Mißtrauen gegen Gott in Adams Seele zu erzeugen, indem sie fragte: ob Gott ihnen verboten hätte, von allerlei Bäumen im Garten zu essen. Von allen? Wie? sollte Adam geantwortet haben: darfst du solche Gedanken von der höchsten Güte hegen und äußern, daß sie ein so hartes, unfreundliches Verbot geben könne? Du mußt ein garstiges Wesen sein, und so lerne ich an diesem Baume wirklich das Böse kennen, und zwar in dir. – Die Schlange suchte ihm auch das Wort Gottes verdächtig zu machen, indem sie sagte: ei sollte Gott das wirklich gesagt haben? Lieder fing dieser Funke Feuer. Unsere Eltern fingen an zu zweifeln, und nun erfüllte sie die Schlange vollends mit ihrem Gift, indem sie ihnen Gott als ein neidisches, ihnen feindseliges Wesen vorstellte, das es ihnen nicht gönne, daß ihnen die Augen aufgethan würden, um selbst zu wissen, was gut und böse sei, es ihnen nicht gönne, daß sie ihm gleich und vollkommen würden, wie er vollkommen ist. Sie gingen darauf ein, und so verwandelte sich ihr Vertrauen in Mißtrauen, ihre Anhänglichkeit in Abneigung, ihre Liebe in Feindschaft; daher kommt’s, daß dieselbe Art uns allen anhängt, weil durch ihn die Sünde in die Welt kommen ist. Kein Mensch darf daher glauben, er sei vom Unglauben frei, es sei denn, daß er durch die Wiedergeburt davon befreit wurde.

Jedoch wird man auch durch die Wiedergeburt nicht so gänzlich von allem Unglauben befreit, daß man nicht noch Anfälle von demselben zu erleiden hätte. Ja, jetzt erst erkennt und fühlt man die Macht desselben, und wie tief derselbe gewurzelt sei, und sieht sich nicht selten zu dem Gebet jenes Vaters genöthigt: ich glaube, lieber Herr, komm zu Hülfe meinem Unglauben. Das ist sehr sündlich und sehr schädlich, daß es so steht. Man muß sich deswegen in den Kampf des Glaubens einlassen, und vor allen Dingen dahin streben, völlig zu werden im Glauben. –

Die Kinder Israel stellen hier ein warnendes Exempel des Unglaubens auf, wovon der Apostel sagt: lasset uns zusehen, daß wir nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallen. Josua und Caleb aber gaben ein schönes Beispiel, deren Glauben wir nachfolgen sollen. Jene glaubten nicht in’s Land Canaan kommen zu können, obschon Gott es ihnen verheißen, und sie selbst hineinzuführen versprochen hatte. Die Predigt vom Glauben machte keinen Eindruck auf ihr Gemüth, einen desto größern aber die Predigt des Unglaubens. Die Bewohner Canaans scheinen ihnen viel zu mächtig und ganz unüberwindlich. Gott, seine Macht, seine Treue und seine Zusagen galten ihnen nichts. Sie hatten kein Vertrauen zu ihm, und sahen bloß auf das, was vor Augen ist, und so begriffen sie das, was die zehn sagten, sehr wohl, weil es mit ihrer natürlichen Sinnesart übereinstimmte: aber die Vorstellungen Josua’s und Caleb’s waren ihnen als grundlos zuwider. Das Verhalten dieser beiden Männer aber war ganz glaubensvoll. Sie leugneten keine von den Schwierigkeiten der Einnahme des Landes Canaan. Sie machten die Einwohner nicht kleiner, wie sie wirklich waren, und schrieben sich selbst keine größere Kraft zu, als sie besaßen. Es verhielt sich wirklich so, daß sie gegen jene wie ein Haufe Ameisen anzusehen waren, und ihre Kraft zu dem Werke nicht hinreichte. Aber der Glaube rechnet ganz anders, wie der Unglaube. Dieser bleibt blos bei demjenigen stehen, was vor Augen ist, der Glaube aber nimmt Gott mit in Rechnung, seine Verheißungen, seine Macht, Treue und Gnade, und hat so einen Muth, der sich auf etwas Unsichtbares gründet. Mit Gott will er seine Thaten thun. So diese beiden Männer. Wie Brodt, sprachen sie, wollen wir sie fressen. Darauf gründete sich ihr Vertrauen: wir können das Land wohl einnehmen; denn dies Können suchten sie nicht in sich selbst, sondern fanden es in Gott. So spricht der Gläubige auch in allen Fällen: wir können es wohl, wie jene beiden Jünger auf die Frage des Herrn Jesu erwiederten: könnet ihr? Könnt ihr den Bösewicht überwinden, wie erschrecklich und mächtig er auch ist? Der Glaube antwortet: wir können es wohl; könnt ihr im Gerichte Gottes bestehen, da doch eure Sünden mehr sind, denn des Sandes am Meer, und da ihr sogar noch immerdar zu allem Bösen geneigt seid; könnt ihr trotz aller Versuchungen und Gefahren, dennoch beharren bis an’s Ende und in allem weit überwinden? könnt ihr euern alten Menschen kreuzigen und tödten, ablegen die Sünde, die euch immerdar anklebt und träge macht, und so euere Heiligung vollenden? Sie antworten: wir können es wohl. Warum denn? Weil wir im Herrn Gerechtigkeit und Stärke haben; denn auf Ihn, nicht auf sich selbst setzt der Glaube sein Vertrauen, und hofft vollkommen auf die Gnade, die uns dargeboten wird in der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi.

Ganz anders verhält sich der Unglaube, dem ein solches Verfahren ungereimt, albern und schwärmerisch vorkommt. Er sucht, wie Assa, nicht den Herrn, sondern die Aerzte. Entweder verzweifelt er in der Noth, rennt wohl zu Pistolen, Strick und Wasser u.s.w., weil er in der unsichtbaren Welt keinen Halt und Stütze hat: oder er hofft auf sichtbare Stützen, verläßt sich auf Menschen und hält Fleisch für seinen Arm. Nicht Gott, sondern der Mensch soll die Griechen, jener die ganze Welt retten. Seine eigene Klugheit soll ihm durchhelfen, und bricht dies morsche Eis unter seinen Füßen, so hat er dann nichts mehr als Angst, Rathlosigkeit und Zagen, es wäre denn, daß Gott in Gnaden alles unter seinen Händen zerrinnen lasse, um ihn auf diesem Wege zu lehren, das Gebäude seiner Hoffnung auf den rechten Felsen zu gründen. Seine Werke und vermeintliche Gerechtigkeit sind bis dahin der Grund seiner Beruhigung. Er ist selbst sein Gott, so weit dies reicht. Die armen Kinder Israel trauen es Gott nicht zu, daß er sie in Canaan bringen könne, und sich selbst trauen sie es zu, ohne ihn, den Weg durch die Wüste zurück nach Egypten machen zu können. Welch ein Unverstand, welche Vermessenheit! –

Der Unglaube, der Mangel des Vertrauens zu Gott, war denn die einzige Ursache, warum sie nicht ins Land kamen, sondern nun von der Gränze zurück mußten, auf’s rothe Meer los, als sollten sie wirklich wieder nach Egypten. Der Unglaube war die Ursache, warum Gott über sie erzürnt ward, und sie alle auf einmal umgebracht haben würde, hätte nicht Moses für sie gebeten. Er war die Ursache, daß sie das erst nach 40 Jahren erlangten, was sie heute schon hätten haben können. O! verderblicher Unglaube! –

Der Apostel stellt uns aber Hebr. 4., als im gleichen Verhältniß mit den Kindern Israel vor, wenn er sagt: es ist uns auch verkündiget gleichwie jenen. Was wird uns verkündigt? Die Verheißung einzukommen zu seiner Ruhe. Das Evangelium von Christo, die frohe Botschaft von der Gnade Gottes wird uns verkündigt. Es wird uns gesagt und beständig wiederholt, daß es je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort sei, daß Jesus Christus in die Welt gekommen, Sünder selig zu machen; es wird uns verkündigt, daß keine Sünden zu schwer seien, die nicht vergeben und kein Elend so tief, woraus wir nicht durch Jesum Christum erlöset werden können, daß keiner zu schlecht sei, der dies nicht erlangen könne, wie keiner so gut, der’s nicht bedürfe. Da heißt’s nun aber auch zu uns: sehet zu, daß ihr nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallet, sondern glaubet an den Herrn Jesum, so werdet ihr selig, gerecht, rein, stark, fröhlich. Jedoch ist hier kein todter Mundglaube gemeint, sondern ein lebendiger, ein sich selbst und die Welt verleugnender Herzensglaube. Der erste Schritt zu demselben ist die Erkenntniß des Unglaubens, worin wir alle von Natur so tief stecken, verschlossen und begraben sind. O! wie ungeschickt werdet ihr euch zum Glauben finden, wenn’s euch erst um den rechten Glauben zu thun ist, wie viele große und kleine Hindernisse werdet ihr antreffen, und wie oft euch genöthigt sehen, auch eurerseits zu schreien: komm zu Hülfe meinem Unglauben, Herr, stärke uns den Glauben. Welch einen Kampf des Glaubens werdet ihr wahrscheinlich zu kämpfen bekommen. Aber kämpfet ihn. ringet um den wahren Glauben so lange, bis ihr auch mit jenem Blindgebornen niederfallen, anbeten und sagen könnt: ich glaube. O! wie glückselig werdet ihr dann sein, denn wir, die wir glauben, gehen in die Ruhe, wer glaubt, hat das ewige Leben, wird selig; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden, denn ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen. So glaubet denn, damit ihr gerecht und Erben werdet des ewigen Lebens. Amen.